Peter Niehenke, Freiburg/Germany
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Interview mit Martin Böttcher in Radio Fritz (Berlin) am 12. August 2001 |
Als ich im Zug saß auf der Fahrt nach Berlin, hatte ich eine ganz gespannte Neugier in mir, wie ich mich wohl fühlen würde. Es war eine positive Stimmung, die Fingerspitzen juckten, in meiner Magengegend "prickelte" es und wenn ich mich streckte, ging ein angenehmer Schauer durch mich hindurch vom Kopf bis in die Füße. Ich war mir bewusst, an diesem Tag etwas sehr Wichtiges zu tun, für mich selber, aber auch mit einer grundsätzlichen Bedeutung für unsere Kultur überhaupt.
Dann stieg ich in Berlin aus und erstmal war es kalt und ich brauchte einen Regenschirm. Schon jetzt fror ich in meinem T-Shirt und der kurzen Hose. Andererseits dachte ich mir, jetzt, wo nicht einmal die Sonne scheint und wo es ein eher kühlerer Tag ist, entfällt jeder Grund von aussen, nackt zu sein. Wenn ich gleich nackt bin, dann bin ich es also erkennbar deswegen, weil mir das Nacktsein an sich etwas bedeutet und nicht, weil es z.B. warm ist. Ab diesen Gedanken empfand ich ein Glücklichsein darüber, dass alles in dieser Situation genau richtig war.
Als ich mit den ungefähr zwanzig waldfkk-Freunden am Brandenburger Tor stand und Peter in die Runde fragte: "Ziehen wir uns jetzt direkt hier aus oder drüben am Rand des Tiergartens ?" und wir dann rübergingen zu den Bäumen, stand ich direkt vor meiner inneren Grenze, die ich nun überschreiten wollte. Der Moment ist gekommen, jetzt wird nicht mehr nur gedacht und geredet, jetzt wird der entwickelte Traum ins Leben übersetzt, eine neue Realität geschaffen.
Jede Sekunde wollte ich nun für immer in meinem Kopf behalten. Als ich mich dann auszog, waren meine Gefühle mit mir selbst zunächst etwas überraschend.
Erstmal war die Kälte ganz weg.
So beschäftigt mit der neuen Erfahrung habe ich das Wetter um mich herum ganz vergessen. Darüber hinaus schien ich von innen heraus warm zu werden, durch glückliche Empfindungen von Freiheit, Toleranz und eigener Bedeutsamkeit, die mich allmählich überkamen. Zunächst einmal stellte ich aber auch noch etwas anderes fest: Ich fühlte mich in keinster Weise beschämt oder, dass das irgendwie peinlich sein könnte, was ich hier in aller Öffentlichkeit tue. Durch den Halt der Gruppe war es für mich das Normalste von der Welt, mich so zu kleiden, wie ich es möchte, nämlich in diesem Falle überhaupt nicht. Es gab Momente in den folgenden Stunden, da war es für mich absolut banal und im Grunde keiner Rede wert, mit anderen Fußgängern an der Ampel zu stehen, dann über die Straße zu gehen und meinen Spaziergang fortzusetzen - dass ich nun nackt war und einige andere Menschen bekleidet, wäre mir nicht zwingend bewusst geblieben. Wenn ich nicht in jeder Sekunde erneut daran erinnert worden wäre, durch die anderen Nackten neben mir und vor mir, durch Fernsehkameras und Reaktionen der Passanten. Ich meine nur: aus mir selbst heraus - die Umwelt ausgeblendet - hätte ich mich schnell an das Nacktsein gewöhnt. Ich könnte mir durchaus vorstellen, nach Stunden eines Spaziergangs mich irgendwann nackt in einem Fenster gespiegelt zu sehen und dann zu denken: "Ach ja, du bist ja nackt." (so wie ich auch teilweise im Laufe des Tages vergesse, ob ich nun ein T-Shirt oder einen Pullover anhabe, bis ich an mir herunterschaue) So normal könnte im Grunde für mich das Nacktsein sein, wäre da nicht die reagierende Umwelt, die mich daran erinnert, dass es gesellschaftlich und mentalitätsgeschichtlich (noch) nicht normal ist.
Dieser grundsätzlich normale, natürliche Charakter des Nacktseins ist eine Seite des komplexen Phänomens nackter Selbsterfahrung. Auf der anderen Seite habe ich Empfindungen gehabt, die "an die Wurzeln gehen", die innerste Bedürfnisse von mir ansprachen.
Da war die Straße Unter den Linden, das Brandenburger Tor schon hinter mir, und ich spüre kleine heransprühende Regentropfen auf meinen nackten Schultern. Ich spüre, wie meine Arme seitlich meinen Körper berühren und ich nur meine Haut spüre, keine Kleidung. Dabei fühlte ich mich total wohl. Ich erfuhr mich selbst - ohne Verkleidung - , Selbsterfahrung in der direktesten Form.
Später im Bus, auf der Stadtrundfahrt, wurde es
mir ein zweites Mal so richtig klar. Ich lehnte im
Sessel am Fenster, der Arm an die Scheibe gelegt und
der Polsterbezug vom Sessel im Rücken, direkt an der
Haut. Allein schon das, ich oben ohne im Bus, war eine
absolute Premiere. Alles fühlte ich viel
unmittelbarer, viel direkter als sonst, nicht durch
Kleidung gedämpft. Meine Aufmerksamkeit war
gesteigert, meine Empfindungsfähigkeit ebenfalls. Und
dann betrachtete ich meinen übrigen Körper, sah meine
Oberschenkel, meine Schamhaare und mein Glied, so wie
alle es sehen konnten, MICH sehen konnten. Dabei
dachte ich mir, ich liebe meinen Körper, ich liebe
mich in meinem Körper und ich zeige, was ich liebe.
Durch ganz direkte Selbsterfahrung wurde ich mir
selbst bewusst, erlangte Selbst-Bewusstsein. In diesem
Selbstbewusstsein tat ich nun das, was ich wirklich
wollte und nicht das, was andere möglicherweise von
mir wollen. Ich wurde ich selbst. Ein wunderbares
Gefühl, für das ich sehr dankbar bin, denen, die durch
gemeinsame Tat so etwas ermöglicht haben, und mir
selbst, dass ich dabei mit-getan habe.
(Hervorhebungen von
Peter Niehenke)