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Aus dem Wochenendmagazin "Querschnitt" der STUTTGARTER NACHRICHTEN vom 4. September 1999 Peter Niehenke, der Nacktjogger von Freiburg |
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Dieser Mensch öffnet die Tür seines Holzferienhauses im Emmental und bittet einzutreten. Wir gehen durch ein geräumiges Wohnzimmer mit teuren Perserteppichen und breiter Fensterfront, hinaus auf die Terrasse, setzen uns an den Gartentisch, der Rasen ums Haus ist gepflegt. Der Mann ist freundlich, bietet Kekse, Pralinen, Kaffee und Tee an und ist im Übrigen normal gekleidet: Ein kariertes Hemd, eine rote Jeanshose, rote Socken und blaue Joggingschuhe. Peter Niehenke macht keinen verwirrten Eindruck. Er ist geistig und physisch auf der Höhe und seelisch ausgeglichen. Wütend macht den 50-jährigen Nacktjogger nur, dass er - seit 25 Jahren FKK-Anhänger - nicht schon viel früher begann, nackt durch die Gegend zu laufen: "Jahrzehntelang habe ich mich von diesen elenden Heinis einschränken lassen." "Elende Heinis" schimpft er einige Vertreter der Staatsgewalt. "Ich fühle mich von den Behörden bedroht", sagt er, "ihre Methoden finde ich, gelinde gesagt, ne Sauerei. Nur weil ich eine Bekleidungskonvention breche, wollten die mich in die Psychiatrie stecken. Das ist ein dicker Hund." Er, der Psychologe, selbst Gutachter bei Gericht, nun begutachtet von Kollegen. Der Test fiel zu seinen Gunsten aus: Bei Doktor Niehenke besteht kein Anlass für eine Unterbringung in der Psychiatrie, hieß es. Er nennt die Auseinandersetzung mit der Polizei die Schlacht um die letzten 30 Quadratzentimeter Stoff. Wenn er sein Glied beim Joggen mit einem Tanga bedeckt, zahlt er nichts ins Kreis- oder Stadtsäckel, wenn nicht, so kann es teuer werden: Mit jedem angezeigten Nacktlauf in Freiburg wird ein Zwangsgeld von 3000 Mark fällig, dazu 600 Mark Bußgeld wegen "grob ungehöriger Handlungen". Im Landkreis kommt es billiger: 300 Mark. 2400 Mark Bußgeld haben sie ihm im Juli aufgebrummt, bezahlt hat er es noch nicht, der Fall liegt inzwischen beim Oberlandesgericht Karlsruhe.
Da hörte die Diskussion auf, gegen Pistolenschüsse schlägt kein Argument an. Niehenke aber fordert gerade dies ein: "Ich verlange Argumente. Wenn es keine gibt, haben die Leute gefälligst zu akzeptieren, was ich tue. Und meine Gegner haben keine, sondern plappern nur Vorurteile runter." Ganz natürlich sei es, sich für seinen Körper nicht zu schämen. Sich für seine Nacktheit zu schämen dagegen irrational, eine Störung, Ergebnis einer lustfeindlichen, christlich geprägten Kultur - eine Kultur, die auf Niehenke schon früh Einfluss hatte: "Meine Großmutter konnte sich nicht vorstellen, dass auch ein Pfarrer mal aufs Klo geht." Das Schamgefühl ist beim jungen Peter extrem ausgeprägt. "Ich habe den Turnunterricht geschwänzt, weil man sich nackt ausziehen musste." Heute empfindet er es als einen unglaublichen Lustgewinn, Unsinniges, die Angst, ausgelacht zu werden, einfach abzulegen. "Ich kann Einschränkungen nicht mehr ertragen". Eine weitere Hypothek aus der Kindheit: Die kränkende Erfahrung, unterlegen zu sein. Peter ist ein schwächliches Kind. Seine Mutter liegt des öfteren mit Tuberkulose im Lungensanatorium. Sein Vater stirbt an Lungenkrebs, als Peter sechs ist. Er und seine vier Geschwister kommen mehrfach ins Waisenhaus seiner Geburtsstadt Hamm. Hier im Waisenhaus zählt nicht, wer Recht hat, sondern wer der Stärkere ist.
Der Weg nach oben, aus dem Waisenhaus ins exklusive Emmentaler Ferienhaus, aus dem Gefühl der Ohnmacht zum selbstbewussten Akademiker, dieser Aufstieg hat bei Niehenke ein Überlegenheitsgefühl aufgebaut. Moralisch und intellektuell wirkt er souverän, wie ein Regisseur, der ein Stück inszeniert und darin auch noch die provozierende Hauptrolle spielt. Wenn er mit Handy joggt, um die Freiburger Polizei zu informieren, wo er gerade zu finden ist, bricht der Schelm in ihm durch, der Narr, der der Gesellschaft den Spiegel vorhält: Schaut her, so prüde, so unfrei seid ihr! Er übernimmt die Rolle, die Mächtigen, hier die allmächtigen Konventionen, zu hinterfragen. Die Rolle, die Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Verklemmtheit zu führen. Die Kindheitserfahrung der Ohnmacht hat Niehenke weit hinter sich gelassen. Er hat den Spieß umgedreht: Nun fühlt er sich als Überlegener, der in seiner Entkrampftheit dem Durchschnittsmenschen voraus ist. Wer ihn am Nacktjoggen, in seiner Freiheit, hindert, dem hält er die Willkürlichkeit seiner eigenen Moral vor. Was ihn dazu fähig gemacht hat? Mögen alle über ihn lachen, in Wahrheit lacht er über sie. Denn er hat die Urangst, lächerlich gemacht zu werden, überschritten, indem er den neuralgischen Punkt der Lächerlichkeit, die zur Erniedrigung missbrauchbare Scham, überwunden hat. Von Alexander Schwabe
Der Sexualtherapeut im Net:
© Stuttgarter Nachrichten Online 1999 |
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